Schweden – Hin und wieder zurück …

Im Sommer 2020 hatte ich die Möglichkeit, nach Gravendal in Schweden zu fahren, um mit Veeta Wittemann die Erforschung meiner Inneren Personen in Gleich-zu-Gleich-Sitzungen (der Dialog mit Inneren Personen) und Traumarbeit zu vertiefen. Es war eine ganz besondere Reise.

Ein Vorgeschmack aufs Leben

Wer hätte gedacht, dass ich in einem winzigen Ort mitten in Schweden im kalten Wasser stehen würde und mich dabei so lebendig und frei fühlen könnte?!
Die ersten Tage sind einfach hier. Keine Ablenkung außer die, die ich selbst mitgebracht habe. Ich liebe die Klarheit und Liebe zum Detail in dem Apartment, in dem ich übernachte. An alles ist gedacht und es wurde mit viel Achtsamkeit eingerichtet. Ich weiß nicht, ob ich jemals so viel Raum und Ruhe für mich hatte. Von der lichten Helligkeit, die im gesamten Haus zu sehen und zu spüren ist, werde ich ein paar Tage später träumen.

Als ich am Anreisetag das erste Mal Veetas und Arthos Wohnhaus betrete, ist es ein Versehen. Ich habe im Navi die Adresse falsch eingegeben. Das Ferienhaus, in dem ich übernachten werde, ist in der gleichen Straße, aber ein paar Nummern weiter. Als ich im Hauseingang stehe – die Tür war nicht verschlossen – kommt mir der Gedanke, das kann nicht das Ferienhaus sein. Der Wind bläst sanft durch den Flur und eines der Glockenspiele begrüßt mich. Ich spüre die Liebe und Freiheit, die hier wohnen. Von weit weg höre ich Stimmen. Leise ziehe ich mich zurück. (Später bekennt sich auf innere Nachfrage mein neugieriges Mädchen dazu. Sie konnte einfach nicht mehr abwarten. Die Freude über den Streich genauso wie darüber, hier zu sein, lassen mich den restlichen Tag nicht mehr los.)

Am nächsten Tag begegne ich Veeta das erste Mal persönlich, um mit ihr unsere Arbeit in den nächsten zwei Wochen zu besprechen. Bisher kenne ich sie nur durch die schriftliche Traum-Prozess-Arbeit, die ich zuvor mit ihr machen konnte, aber ihre offene, bezogene Art mir zu begegnen, nimmt mir jegliche Bedenken.

Ich sehe auch Artho wieder. Unsere erste Begegnung genau vor vier Jahren hatte mich tief beeindruckt und dazu bewogen, meinen Weg mit der IndividualSystemik zu beginnen. Als ich ihm hier gegenüberstehe, kann ich es kaum glauben. Es war ein langer Weg. Aber ich bin genauso berührt wie damals und mir kommen die Tränen.

Die ersten Sitzungen mit Veeta folgen. Die Inneren Personen, die ich schon kenne, erhalten eine neue Tiefe. Ich habe das Gefühl, hier ganz vorbehaltlos gesehen zu werden. Ich spüre, wie jede meiner inneren Bewegungen erwidert und verstärkt wird, sodass ich sich meine inneren Anteile selbst wiedererkennen, wieder begreifen können.

Ich bekomme einen Geschmack von meiner Kraft zurück. Ich laufe, renne, rufe, schreie, lache, weine, schlafe, male, tanze, spüre meinen Körper wieder.

Mein Wille hat gesiegt

Obwohl ich die Lebendigkeit, die in mir wohnt, so vor Augen geführt bekomme und sie am liebsten gleich für immer behalten würde, werden die Auswirkungen meiner Nein-Haltung immer spürbarer.

Nach der ersten Woche sind wir meiner Kriegerin, die ich Ursula nenne, etwas nähergekommen. Sie sorgt in meinem System für Sicherheit und bewacht den hinteren Raum meiner Psyche. Wir haben ihre Geschichte erforscht und erfahren, dass ihr schreckliches widerfahren ist. Sie hat Heimat und Gemeinschaft über Nacht verloren, nach entbehrungsreicher Wanderung ein neues Zuhause gefunden, was ihr dann erneut genommen wurde. Ursulas Lösung war es, die Wut, Trauer und Ohnmacht in einer schwarzen Kugel zu verwahren, die ich jetzt tief im Inneren meines Körpers spüren kann.

Von außen wirkt sie wie eine Statue, aber es ist ihre Rüstung. Unerkannt zu bleiben und nie wieder Opfer zu werden, ist ihr Ziel geworden. Dieses verfolgt sie mit der gleichen Kraft und Konsequenz, wie sie Feuerfrauen eigen sind. Ihre Selbstbestimmtheit konnte sie sich dadurch erhalten. Ich spüre meine Distanz und mein Misstrauen zu anderen Menschen mehr denn je, selbst zu meiner Familie, die für mich doch so wichtig ist. Aber am zentralen Punkt meines Systems ist es versteinert und kalt. Ursula will nie wieder etwas von sich zeigen oder in die Welt geben.

Eine Reiseetappe geht zu Ende

Die Abreise rückt unaufhaltsam näher. Mir wird bewusst, welche Dinge ich das letzte oder vorletzte Mal erlebe. Ich werde diesen wunderbaren Raum, den Veeta und Artho hier öffnen, vermissen. Ich genieße die freie Zeit in den letzten Tagen und die kleinen Dinge, Blaubeeren pflücken zum Beispiel, für mein Frühstück.


Meine letzte Sitzung mit Veeta ist viel zu schnell vorbei. Die Arbeit mit ihr war beeindruckend und nachdrücklich. Wir sind gut vorangekommen. Ich habe mit Ursula, meiner kraftvollen hinteren Frau, arbeiten können, dadurch habe ich sie bewusster wahrgenommen und tiefer erlebt. Nicht nur in der Sitzung. Ich bin in ihren wütenden Fußstapfen durch den Wald, habe ihre Wut das erste Mal bewegt und rausgebrüllt. In ruhigen Momenten habe ich ihre Geschichte gemalt, mit ihr getanzt und war dabei ganz sie selbst. Langsam beginnt sie wieder den Boden unter ihren Füßen zu spüren, so sehr, dass ich eines Nachts durch das intensive Kribbeln in meinen Füßen aufwache.

Mit all diesen Eindrücken kann ich mich nun auf die Heimreise machen. Zurück in meine so ganz andere Alltagswelt. Ich fühle mich wacher als vor zwei Wochen und vor allem verstanden. Das ist für mich von großem Wert.

Ich bin gespannt, wie sich meine Zeit hier in Schweden im Alltag auswirken wird. Was aus dem neuen Wissen ich selbst weiter bewegen und vertiefen kann. Das wird die nächste Etappe meiner Reise, denn das war erst der Anfang.

(zuerst erschienen am 11. September 2020 auf dubistviele-blog.de, überarbeitet für diese Neuveröffentlichung)