oder wie ich lernen muss(te), meine weibliche Wut zu lieben
Direkt auf dem Umschlag ihres beeindruckenden Buches „Die Wut, die bleibt“ schreibt Mareike Fallwickl:
„Es wird schmerzhaft sein und fies, es wird mir wehtun und euch auch, es wird fiktiv sein und trotzdem wahr.“
Genau so fühlt sich die Erforschung meiner eigenen weiblichen Wut für mich an.
Als ich das erste Mal in dieses Buch eintauche, ist es wie ein Schlag ins Gesicht. Drei Frauen stehen im Mittelpunkt der Geschichte – eine Mutter, die sich das Leben nimmt und sich dadurch entzieht. Die Tochter und die beste Freundin, die mit der daraus entstehenden Leere und den offenen Fragen einen Umgang finden müssen. Die Tochter ringt vor allem mit ihrem Körper und wählt Selbstermächtigung durch Kämpfen. Was als Selbstverteidigung beginnt, wird bald mehr.
In mir habe ich in den letzten Jahren mithilfe der IndividualSystemik auch drei Frauen – Bewohner*innen meiner Innenwelt – kennengelernt, die wie diese Protagonistinnen ihre Art gefunden haben, mit der Welt umzugehen.
Meine vordere Frau hat in mir die Mutterrolle übernommen, sowohl für meine inneren Kinder als auch für mein äußeres. Dazu kommen noch ihre Rollen als Ehefrau, Freundin, Arbeitnehmerin, Tochter. Diese Frau ist aufmerksam, freundlich, zugewandt. Hier fühle ich mich so ähnlich wie die beste Freundin in dem Buch. Für eine Weile übernimmt diese völlig unvorbereitet die Mutterrolle für drei Kinder – zu Beginn noch voller Elan wird sie zunehmend wütender über den gesellschaftlichen Umgang mit Müttern. Sie fragt sich, ob ihre Freundin noch am Leben wäre, wenn diese zahlreichen Anforderungen nicht an sie (allein) gestellt würden. Auch ich wusste lange nicht, dass ich anders als „freundlich“ sein kann. Wenn mir etwas nicht passt, werde ich eher bestimmt als wütend und selbst das fällt mir schwer. Manchmal frage ich mich, wie meine vordere Frau noch sein könnte, wenn ich sie nicht nur als Mutter erleben würde.
Meine zweite innere Frau ist da ganz anders. Als Kriegerin ist sie aufbrausend, kraftvoll und kämpferisch. Sie hatte die zentrale Stelle in meiner Innenwelt eingenommen, weil die dritte Frau – meine Führerin – sich in den hinteren Raum meiner Innenwelt zurückgezogen hat. Sie hatte vor langer Zeit beschlossen, nicht mehr direkt sichtbar zu werden. Ihre Abwesenheit erzeugt eine Leere in mir, die meine Kriegerin nun versucht auszufüllen. Ich musste ihre schmerzhafte Geschichte zurückverfolgen, um der Wut, die sie in sich trägt, näher zu rücken. Und damit auch meiner eigenen weiblichen Erfahrung. Sie hatte nämlich gute Gründe, wütend zu sein.
Die Erforschung dieser Frauen begleitet mich schon seit mehreren Jahren. Innere Personen tiefer kennenzulernen, hat für mich zu Beginn auch ein Gefühl von einer fiktiven Geschichte. Da gibt es in mir diese verschiedenen Anteile, die andere Lebenserfahrungen tragen als die, die mich als Ganze ausmachen. So fand die Lebensgeschichte meiner Kriegerin in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort statt. Sie hatte ihre Heimat durch einen Überfall verloren. Ihre Erlebnisse entfalteten sich vor allem in Form von gemalten Bildern.

So entstand zum Beispiel ein Bild von brennenden Holzhäusern, großen Wäldern und ihrem Weg, den sie zurücklegte, um ein neues Zuhause zu finden. Da gab es oft Hunger, Durst, Kälte und immer wieder Gefahren. Ihr wütender Schmerz hatte auch mit einer bestimmten Art von Männern zu tun, die sich einfach alles nehmen, was sie wollen. Wenn ich mich auf diese Bilder fokussiere, ganz in ihnen eintauche, dann weiß ich, ich war da, obwohl das mit meinem aktuellen Leben gar nichts zu tun hat.
Eine Freundin meinte letztens zu mir: der Körper ist wie ein Zuhause. Nach traumatischen Erfahrungen wollen wir dieses zerstörte Haus nicht mehr bewohnen und spalten uns davon ab.
Meine weibliche Selbstermächtigung führte mich tatsächlich auch zunächst zu meinem Körper. Ich musste erkennen, dass ich meine ganze geballte Wut in einer schwarzen Kugel in meinem Bauch vergraben hatte. Sehr viel meiner Energie ging dafür drauf, die Gefühle darin ruhig zu halten. Und dass ging einfacher, indem ich meinen ganzen Körper weitestgehend ruhig hielt. Entladung verschaffe ich mir durch Sarkasmus, andauernden Unwillen, wenn ich mich mit meinen „anstrengenden Mitmenschen“ beschäftigen „muss“ oder auch durch fiese, entwertende Äußerungen, wenn mir etwas nicht passt.
Über ein Jahr dauerte es, um diese Wut in Bewegung zu bringen und abzutragen. Mindestens zweimal wöchentlich schüttelte und tanzte ich mich durch die Kundalini-Meditation. Egal, ob ich Lust hatte oder nicht. Am Anfang war es fast unmöglich, meine Gedanken abzuschalten und im Körper zu sein. Aber mit der Zeit wurde es leichter. Während dieser Stunde bewegte ich mich nicht nur, ich beobachtete, welche Reaktionen in mir auftauchten. Manchmal kam nur eine Gedankenflut nach der anderen. Manchmal kam etwas konkreteres. Dann konnte ich diese Aussage mit in meine Bewegung hineinnehmen und das Gefühl dazu in mir aufsuchen. Alle Aussagen und Gefühle sind erlaubt, vor allem die nicht „gesellschaftsfähigen“.
Es reichte also nicht aus, dass ich in meinem Leben ein unterstützendes Umfeld habe oder mich über Diskriminierung und Sexismus belese und – gelegentlich – dafür engagiere. Damit habe ich lediglich meine reflektierte Frauen-Kulisse ausgestaltet, aber meiner eigenen Erfahrung kam ich so kein Stück näher. Im Gegenteil, ich hatte mich noch weiter von meinem Ursprung entfernt, indem ich mich auf männliche Art mit Fakten und Statistiken bewaffnete.
Inzwischen habe ich viel über mich als Frau gelernt und erlebe, wie jede meiner Frauen ihre Wut anders zum Ausdruck bringt. Dieser Entdeckungsprozess ist auch eine Möglichkeit, mir anzuschauen, was ich eigentlich tue und wie ich zum Beispiel meine Wut an anderen Menschen entlade, ohne es zu merken. Wut ermöglicht es mir aber auch, mehr von meiner eigenen Kraft, Eigenwilligkeit und Selbstermächtigung zu spüren. Wenn ich diese kraftvollen Gefühle in mir wieder in Bewegung bringe, kann ich mein Bauchgefühl wiederentdecken und meine weibliche Intuition besser wahrnehmen. Dann muss ich mich auch nicht mehr mit Alkohol, Bing-Netflixen oder anderen Dingen betäuben. Vor allem aber kann ich dann meine Wut über verletzte Gefühle oder überschrittene Grenzen im Körper spüren und zuordnen, bevor sie in meinem Bewusstsein ankommt. Bin ich auf dieser Ebene aber taub, überschreite ich regelmäßig selbst mein Limit und überlasse anderen immer wieder die Deutungshoheit darüber, was genau „mein Zuhause“ ausmacht, in dem ich lebe.
Inzwischen hat meine Kriegerin ihr Kriegsbeil begraben. Es liegt direkt zu ihren Füßen, griffbereit, wenn es wieder nötig sein sollte. In einem Traum habe ich ihr Zuhause gesehen – ein Raum dominiert von lehmigem Boden, Stille zum Reflektieren und angemessener Helligkeit, um klar sehen zu können, wie die Dinge wirklich sind. Darin stehe ich und kann meinen/ihren Körper spüren – stabil, kraftvoll, eindeutig.
Aber ist deswegen alles gut? Nein. Denn für mich gibt es weiterhin genug Gründe in dieser Welt, wütend zu bleiben. Im Buch heißt es dazu:
„[Wir] müssen nicht zwingend mit der Sprache der Gewalt kommunizieren. Aber mit der Sprache der Selbstermächtigung. Die zu erlernen, wird die wahre Herausforderung sein.“
Ich finde meinen eigenen Weg darin wieder. Ich habe inzwischen meine Wut besser kennengelernt. Ich weiß, wie ich sie durch körperliche Bewegung zum Ausdruck bringen kann. Wenn ich dann ruhiger bin, finde ich dafür auch einen sprachlichen Ausdruck und langsam auch die Courage, das in Kontakt zu setzen. Aber um wirkliche weibliche Selbstermächtigung zu erfahren, muss ich noch tiefer in meine Innenwelt zu meiner inneren Führerin vordringen. Denn sie ist es, die in der Welt und in meinem Leben fehlt. Sie trägt ihre eigenen Ohnmachtserfahrungen, denen sie ihre misstrauische Bitterkeit und ihre lange Liste an Vorwürfen entgegensetzt. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie es geschafft hat und sie nichts in dieser Welt mehr berühren kann. Genau so drückt sie unterschwellig ihre Wut aus, indem sie alles gleichmacht. Nichts und niemand dürfen mehr wichtig sein. Dieses Nein zur Welt und zu den Menschen höhlt auch die Bemühungen meiner vorderen Frau und meiner Kriegerin aus.
Erst als meine Austauschpartnerin mich darauf aufmerksam macht, wird mir bewusst, dass meine Führerin – eine Matriarchin – der Frau gleicht, die sich zu Beginn des Buches vom Balkon stürzt. Denn auch sie hat ihr Leben beendet, um sich nicht unterordnen zu müssen.
Jetzt habe ich mich auf den Weg gemacht, die Wut dieser Frau in meiner Tiefe und die Gründe für ihr Nein besser zu verstehen.
Denn das ist die Wut, die bleibt.


